Der Sensor der X100VI: wo er mich überzeugt, wo er mich enttäuscht

Der Sensor der X100VI: wo er mich überzeugt, wo er mich enttäuscht

Ich saß vor ein paar Wochen abends mit drei Tabs offen da. Ein DXOMark-Test der X100VI, ein Testbericht der Sony RX1R III, dazwischen ein Reddit-Thread, in dem sich zwei Leute seit zwanzig Beiträgen über X-Trans-Rauschen stritten. Eigentlich wollte ich nur wissen, ob der 40-MP-Sensor meiner X100VI wirklich so gut ist, wie ich beim Fotografieren das Gefühl habe. Am Ende hatte ich mehr Fragen als vorher.

Also hab ich mich hingesetzt und das für mich sortiert. Nicht als Datenblattvergleich, sondern als das, was mir beim eigenen Fotografieren tatsächlich auffällt, ergänzt um das, was seriöse Tests dazu messen.

Was mich am Sensor wirklich überzeugt

Der Sprung von 26 auf 40 Megapixel gegenüber der X100V klang für mich anfangs nach reiner Zahlenkosmetik. Bin ich anders gewöhnt: Bei Kompaktkameras ist "mehr Megapixel" oft ein Marketingversprechen, das in der Praxis kaum etwas bringt. Hier war es anders. Die X100VI hat eine feste 35mm-Brennweite (KB-äquivalent). Genau deswegen war ich bei einem Portrait-Shooting ganz auf Cropping angewiesen, wenn ich näher ans Gesicht wollte. Ich hab bewusst hinterher großzügig aus der Datei rausgeschnitten, und das Ergebnis hat mich wirklich überrascht. Von der Halbtotalen bis zum Ausschnitt, der nur noch Auge, Nase und ein Stück Wimpern zeigt, bleibt die Zeichnung erstaunlich sauber, keine matschigen Kanten, keine sichtbaren Artefakte. Genau das meine ich, wenn ich sage, dass sich die Festbrennweite dadurch flexibler anfühlt, als sie eigentlich ist: 40 Megapixel geben mir im Nachhinein einen Ausschnitt, für den ich mit der alten X100V physisch näher hätte rangehen müssen.

Foto: Nikolai Hofmeier

Was mich am meisten überzeugt, ist ehrlich gesagt nicht mal der Sensor allein, sondern das Zusammenspiel mit der X-Trans-Farbmatrix und den Filmsimulationen. Das ist der Punkt, an dem reine Pixelzahlen-Vergleiche für mich ins Leere laufen. Kein anderer Hersteller bietet mir diese Kombination aus Auflösung und Farbcharakter in einem Gehäuse dieser Größe.

Wo ich an Grenzen stoße

Ich dreh nicht viel Video mit der X100VI, aber die paar Male, bei denen ich es probiert habe, ist mir der Rolling Shutter aufgefallen. Bei schnellen Schwenks verzieht sich das Bild sichtbar. Für meine Zwecke, hauptsächlich Fotografie, ist das verschmerzbar. Wer die Kamera auch fürs Vlogging einplant, sollte das vorher wissen und sich ehrlich fragen, ob eine Sony A6700 im gleichen Preisbereich hier nicht die bessere Wahl ist.

Bei High-ISO-Aufnahmen im Dunkeln merke ich klar, dass Physik sich nicht wegdiskutieren lässt. Gegen eine Leica Q3 oder die Sony RX1R III mit ihrem viel größeren Sensor zieht die X100VI hier den Kürzeren. Mehr Sensorfläche bedeutet mehr Licht pro Pixel, das lässt sich durch keine noch so gute Signalverarbeitung ganz ausgleichen. Wer regelmäßig bei schlechtem Licht unterwegs ist und darauf angewiesen ist, hohe ISO-Werte zu fahren, bekommt mit einem Vollformat-Kompakten spürbar mehr Spielraum. Nur reden wir hier nicht über eine Preisdifferenz, die man mal eben so wegsteckt: Meine X100VI hat mich rund 1.800 Euro gekostet, eine Leica Q3 liegt aktuell bei etwa 6.250 Euro, die Sony RX1R III bei ungefähr 4.900 Euro. Das ist nicht "etwas teurer", das ist das Zwei- bis Dreieinhalbfache.

Ein Punkt, der mich anfangs geärgert hat, bevor ich verstanden habe, woran es liegt: Meine RAW-Dateien sehen in Lightroom bei hohen ISO-Werten unruhiger aus als erwartet. Das liegt am X-Trans-Muster, das der Software mehr zu schaffen macht als ein klassisches Bayer-Muster. Capture One und Fujifilms eigene Software kommen damit besser klar. Ich bin noch nicht ganz zufrieden mit meinem eigenen Workflow hier und experimentiere weiter.

Und dann ist da noch der Kartenslot. UHS-I deckelt die Bitrate bei Video auf maximal 200 Mbit pro Sekunde. Das ist kein Sensorproblem, sondern ein Plattformlimit, aber es bremst aus, was der Chip eigentlich könnte. Meine X-T5-Kollegin (rein bildlich gesprochen, ich besitze sie nicht) kommt mit dem gleichen Sensor weiter.

Zuletzt: Bei stark abgeblendeten Aufnahmen, etwa f/11 und kleiner, verliere ich durch Beugungsunschärfe einen Teil der theoretischen Auflösung wieder. Für Street mit offener Blende betrifft mich das kaum. Für Landschaftsaufnahmen mit maximaler Schärfentiefe ist es ein Punkt, den ich inzwischen mit einplane.

Für wen sich was lohnt

Wenn ich ehrlich bin, ist der X100VI-Sensor kein Werkzeug für Video und kein Low-Light-Monster im Vollformat-Maßstab. Das hat mich anfangs kurz gestört, bis mir klar wurde, dass er das auch nie sein wollte. Also hab ich mir aufgeschrieben, für wen sich was tatsächlich lohnt, statt nur "kommt drauf an" zu sagen.

Wenn du hauptsächlich Street- und Alltagsfotografie machst und die Kamera wirklich jeden Tag dabei haben willst, ist die X100VI für mich immer noch die naheliegende Wahl. Für 1.800 Euro bekommst du eine Auflösung und eine Farbwissenschaft, die in dieser Preisklasse ihresgleichen sucht, und die Kompaktheit wiegt im Alltag mehr als die letzten paar ISO-Stufen.

Wenn du regelmäßig bei sehr wenig Licht fotografierst, zum Beispiel Konzerte oder Innenräume ohne Blitz, und dir der High-ISO-Vorsprung wichtiger ist als die Kompaktheit, würde ich das Geld für eine Sony RX1R III zusammenkratzen, sofern es das Budget hergibt. Knapp 5.000 Euro sind kein Pappenstiel, aber der physikalische Vorteil des größeren Sensors ist real, nicht nur Papierwerte.

Wenn dir Haptik, Marke und ein bisschen Statussymbol genauso wichtig sind wie die Bildqualität, landest du ohnehin eher bei einer Leica Q3 als bei einer nüchternen Kosten-Nutzen-Rechnung. Bei 6.250 Euro kaufst du dort auch ein Stück Markenerlebnis mit, das kann ich fachlich weder bewerten noch madig machen, das ist einfach eine andere Kaufmotivation als meine.

Und falls Video für dich mindestens so wichtig ist wie Fotografie, würde ich ehrlich gesagt eher bei einer Sony A6700 für etwa 1.500 Euro landen als bei der X100VI. Der Rolling Shutter und der gedeckelte Kartenslot sind dort kein Thema, und du sparst sogar noch etwas Geld.

Die eigentliche Frage ist für mich also nicht "X100VI gegen Vollformat", sondern "was ist mir meine Kompaktheit wert, und was bin ich bereit, für den Unterschied zu bezahlen". Für mein eigenes Nutzungsprofil lautet die Antwort bisher: die 1.800 Euro sind es mir wert, mit den Grenzen, die ich kenne und mit denen ich leben kann.


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